Mein erstes Wochenende in den Staaten verbrachte ich mit Martin, einem Mitfreiwilligen der inzwischen echt ein guter Freund von mir ist, in einer total netten Gastfamilie in Ardmore, einem Vorort von Philadelphia.
Die Familie war sehr gastfreundlich, politisch engagiert und interessiert. Seit 10 Jahren nehmen sie jedes Jahr Freiwillige von ASF in ihrer Familie auf. Die Eltern Anna Durbin & Peter Goldberger sind beide erfolgreiche Anwälte und haben drei Töchter, zwei Hunde und eine Katze.

Meine Gastfamilie (leider nur mit einer der drei Töchter)
Am Freitagabend waren die Eltern mit uns und einer Freundin, die ein Amt als Richterin im Philadelphia Federal Court bekleidet, zusammen italienisch essen. Wichtigstes Gesprächsthema war natürlich die bevorstehende Präsidentschaftswahl im November. Während des Gesprächs wurde mir klar, dass diese netten Menschen politisch sehr fortschrittlich eingestellt sind. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, ihre Meinungen zum aktuellen Wahlkampf zu erfahren. Alle drei Juristen wünschen sich sehr, dass der demokratische Kandidat Barack Obama die Wahl gewinnt. Doch haben sie aufgrund des knappen Rennens beider Kandidaten begründete Bedenken, dass rassistische Motive bei der Wahl letztlich den Ausschlag geben könnten und der Republikaner Mc Cain die Wahl gewinnen könnte.
Nach dem Essen saßen wir noch eine Weile bei der Familie im Wohnzimmer und haben geredet. Da ich mit dem Gedanken spiele Jura zu studieren, habe ich die Chance ergriffen Fragen zu den Studienmöglichkeiten in den USA zu stellen.
Am nächsten Morgen hat der Vater für Martin und mich leckere Pancakes gemacht und uns danach die Nachbarschaft gezeigt. Es war sehr interessant zu sehen, wie die schwarze und weiße Bevölkerung wohnen. Unsere Gastfamilie wohnt in einem mittelständischen Viertel und obwohl die Familie wahrscheinlich sehr viel wohlhabender sein könnte, haben sie sich bewusst dafür entschieden nicht in die luxoriöseren Straßen weiter nördlich von Ardmore zu ziehen, sondern den Kontakt zu der schwarzen Bevölkerung zu suchen. Für Martin und mich war es sehr beeindruckend zu sehen, wie von Straße zu Straße das Einkommen der Menschen über die Wohnsituation bestimmt. Wohnen in einer Straße ausschließlich schwarze Familien zusammen, so wird die nächste Straße ausschließlich von mittelständischen weißen Familien bewohnt.
Am Mittag zeigte uns der Vater die von seiner Frau und ihm gemeinschaftlich geleitete Kanzlei. Beide haben in Yale, der besten Universität für Jura in den USA, studiert und sind als Juristen wohl sehr angesehen. Dementsprechend rechnete ich mit einer stylisch eingerichteten Kanzlei, doch sollte sich diese Erwartung nicht bewahrheiten. Stattdessen betraten Martin und ich ein schlichtes Gebäude, was im Innern eine ausgesprochen familiäre Atmosphäre ausstrahlte. Der Vater schilderte uns eindrücklich die Vielfältigkeit seiner Arbeit. Seine Frau und er arbeiten beide sowohl als Public Defender, als auch als private Anwälte. Auf diese Weise verdienen sie genug Geld um für die Familie zu sorgen, können aber auch ihre Ideale verwirklichen und sich für mittellose Straftäter einsetzen. Peter berichtete uns, dass er im Moment den Schauspieler Wesley Snipes vertritt und somit einen sehr rentablen Fall führt. Auf der anderen Seite verteidigt er zahlreiche Oppositionelle der Regierung, wie Anti-Kriegsaktivisten und Atomstromgegner vor Gericht. Für mich war es sehr beeindruckend und spannend einen Einblick in die Arbeit eines sehr fortschrittlichen Juristenpaares zu bekommen, dass sich selbst treu geblieben ist und öffentlich für seine Ideale eintritt und kämpft.

Martin und meine Hostparents
Am Abend aßen wir Hamburger. Danach holten wir Nora, eine der drei Töchter, am Busbahnhof in Philly ab und gingen anschließend in ein Konzert. Die Sänger, zwei 22jährige Männer waren sehr talentierte Sänger und spielten Musik im Stile von Jack Johnson, Matt Costa und Ben Harper. Für Martin und mich war es jedoch leicht befremdlich, dass alle Lieder ausschließlich von Liebe und Erfahrungen mit Ex-Feundinnen handelten. Das Publikum bestand zu 80% aus weiblichen Teenagern, sodass Martin und ich uns doch leicht unwohl fühlten
Am Sonntag gab es erstmal ein tolles Breakfast, bevor der Vater mit uns zu einer historischen Stadtführung durch Philly aufbrach. Wir besuchten ein Museum über Benjamin Franklin, das House of independence und sahen die Bell of Liberty. Nach dieser sehr informativen Tour durch den geschichtsträchtigen Stadtkern war es an der Zeit Abschied zu nehmen und ins Hostel zurück zu kehren. Doch ich kann mir gut vorstellen, dass wir weiterhin Kontakt halten und uns in meinem Jahr hier noch treffen werden. Sowohl für Martin, als auch für mich war es ein tolles und bereicherndes Wochenende.

Martin & ich vor der "Liberty Bell"