Nun bin ich schon einen Monat hier in meinem Projekt und in Manhattan. Die Zeit vergeht für mich hier wie im Flug, weil man tagtäglich einfach wahnsinnig viele neue Eindrücke gewinnt und so viel erlebt.
Da ich bisher noch gar nicht über meine Arbeit hier in der Trinity Presbyterian Church berichtet habe ist es wohl höchste Zeit, dass ich dieses Versäumnis nachhole!
1. Homeless Shelter
Der Homeless Shelter (Obdachlosenunterkunft) ist bisher der regelmäßigste Arbeitsbereich, in den ich hier von Anfang an stark integriert wurde. Grund dafür ist besonders, dass seit diesem Sommer die Öffnungszeiten der Unterkunft von 2 Tagen die Woche (Montag&Dienstag) auf 5 Tage die Woche (Montag-Freitag) umgestellt wurden. Außerdem fand ein Personalwechsel statt. Die Person, die vorher für den Shelter zuständig war, arbeitet nun nicht mehr in der Kirche. Sein Nachfolger ist ein sehr netter ehemaliger Obdachloser namens George, mit dem ich mir nun die Arbeit in der Obdachlosenunterkunft aufteile. Somit nimmt dieser Arbeitsbereich einen viel größeren Teil meiner Arbeitszeit im Projekt in Anspruch, als ich im Vorfeld angenommen habe. George arbeitet Montag und Dienstag im Shelter und ich übernehme für die restlichen 3 Tage die Verantwortung. Der Arbeitsablauf sieht folgendermaßen aus:
Um 19:30h werden die Obdachlosen mit einem Bus hier in der Trinity Church abgesetzt, nachdem sie vorher in einer anderen Kirche bereits zu Abend gegessen haben. Trotzdem sind viele der Obdachlosen noch hungrig und freuen sich auf eine weitere warme Mahlzeit im Shelter. Meistens kochen George und ich etwas für die Obdachlosen, aber manchmal möchten sie sich auch gerne selber etwas zu Essen machen. Maximal 6 Männer können im Shelter untergebracht werden. Frauen kommen nicht hierher. Es gibt andere Obdachlosenunterkünfte in der Stadt, die dafür ausschließlich Frauen aufnehmen.
Ich bleibe meistens noch eine halbe Stunde im Shelter und unterhalte mich mit den Obdachlosen, bevor diese dann auch früh schlafen gehen. Viele sind abends von dem harten Leben auf New York´s Straßen sehr erschöpft. Zudem werden die Obdachlosen am nächsten Morgen schon um 5:30h mit dem Bus abgeholt und wieder zu der anderen Kirche gefahren, wo sie ein Frühstück bekommen – das heißt, jedoch nicht, dass viele von ihnen nicht gern trotzdem schon etwas essen, bevor der Bus kommt.
Wenn die Obdachlosen aufstehen muss ich jedoch zum Glück nicht im Shelter anwesend sein. Es gibt jedoch danach auch genug andere Arbeit zu erledigen: Putzen, Wäsche wechseln, Essen zubereiten etc.
Auch wenn die Reinigung der Unterkunft viel Zeit kostet, gefällt mir dieser Teil meiner Arbeit ganz gut, da sich die Obdachlosen oft dankbar zeigen und die Begegnungen&Lebensgeschichten der Menschen auch spannend sind.
2. Friendly Visiting
Leider habe ich bisher noch nicht viele Besuche bei älteren Menschen gemacht, aber alle meine bisherigen Erfahrungen sind sehr positiv und erfüllend. Die Menschen sind sehr herzlich und unglaublich dankbar dafür, dass junge Menschen aus Deutschland ihnen Gesellschaft leisten und den Lebensalltag erleichtern, indem man zusammen einkaufen geht oder den Doktor besucht. Dieser Arbeitsbereich wird aber in Zukunft zusammen mit dem Homeless Shelter den Hauptteil meiner Arbeit unter der Woche bilden.
3. Programm für Kinder & Jugendliche
Der Arbeitsbereich auf den ich mich hier im Projekt am meisten gefreut habe ist leider noch am wenigsten etabliert. Bisher waren nicht mehr als 2 Kinder pro Woche am Samstag anwesend. Christopher, ein 15jähriger hyperaktiver Jugendlicher, hält mir bisher aber tapfer die Treue und auch wenn es anstrengend ist, macht es Spaß mit Chris Zeit zu verbringen. Da das Wetter bisher sehr gut war, sind wir jedes Mal in den Central Park gegangen. Aber auch ein Besuch im Kindertheater war bereits schon Teil des Programms. In zwei Wochen ist Halloween und ich werde eine kleine Party für die Kids veranstalten. Hoffentlich werden danach mehr Kinder am Programm teilnehmen…
4. Senior Club
Jeden Samstagabend findet ein Senior Club in der Kirche statt, an dem es meine Aufgabe ist die kleine Gesellschaft zu verköstigen. Allerdings bin ich auf die Essensvorräte des Homeless Shelters beschränkt und so muss ich jede Woche mit den Gegebenheiten improvisieren. Aber immerhin stand bisher schon einmal Pasta mit Thunfischsoße auf dem Speiseplan
Bisher sind die Besucher mit meinen beschränkten Kochkünsten zufrieden gewesen. Ich hoffe, dass das auch so bleibt…
5. Gottesdienst
Der Gottesdienst am Sonntagmorgen war bisher immer ein schönes Erlebnis. Menschen aus verschiedenen Erdteilen kommen hier zusammen und die kleine Gemeinde geht ganz unkonventionell ihrem Glauben nach. Einmal im Monat leiste ich einen kulturellen Beitrag und spiele ein Stück auf der Geige vor, was die Kirchengemeinde bisher ausgesprochen erfreut und mir Sympathiepunkte einbringt. Nach dem Gottesdienst bleiben die Gemeindemitglieder in der Regel noch ein wenig zusammen und unterhalten sich bei Kaffee & Donuts.
An der Arbeit gefällt mir sehr, dass ich wirklich mit Leuten zu tun habe, die Hilfe benötigen, da sie überwiegend sehr arm sind, häufig Außenseiter der Gesellschaft darstellen und wenig sonstige Unterstützung erfahren. Es ist schön zu erleben, wie herzlich ich von einigen Menschen hier aufgenommen werde.
Auf der anderen Seite ist es schon hart mit dem krassen Gegensatz zwischen arm&reich hier in der Stadt fertig zu werden. Lerne ich in meiner Freizeit Studenten von der Columbia University hier in New York kennen, deren Eltern tausende von Dollar für die Ausbildung ihrer Kinder bezahlen und somit große Möglichkeiten und Chancen ermöglichen können, werde ich auf der Arbeit mit Kindern konfrontiert, denen kaum eine Perspektive in dieser Gesellschaft hier in den USA geboten wird.
Diese Perspektivlosigkeit durchdringt auch immer mehr die Arbeit hier im Projekt. Reverend Helm leidet an Krebs und ist nun 72 Jahre alt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass nach dem Verscheiden des Pastors die Kirche wohl nicht mehr weiter existieren wird und Investoren nur darauf warten an Stelle einer Kirche für Arme ein profitables Geschäft zu errichten. Schließlich befinden wir uns in Midtown Manhattan, eine der teuersten Wohngegenden der Welt…
Umso wichtiger ist es jedoch für die Gemeinde hier, dass besonders junge Menschen integriert werden. Deshalb merke ich, wie gerade die älteren Mitglieder der Kirche sehr froh darüber sind, jedes Jahr einen neuen Freiwilligen von ASF begrüßen zu können.
